Das Interview zur Entstehung von Elija OS

Autismus und hoher Unterstützungsbedarf: Selbstbestimmung und Teilhabe im Familienalltag mit Elija OS

Wenn ein Kind viel Unterstützung braucht, geht es schnell um Förderung, Therapien, Hilfsmittel und darum, was alles nicht funktioniert. Dabei kann leicht aus dem Blick geraten, worum es eigentlich geht: um einen Menschen mit eigenen Bedürfnissen, Interessen und einem Recht auf Selbstbestimmung und Teilhabe.

Alex und Angelika sind die Eltern des autistischen Elija und kennen diesen Alltag mit all seinen schönen, anstrengenden und manchmal sehr schwierigen Seiten. Im Interview erzählen sie von Elija, von den Erfahrungen ihrer Familie und davon, warum daraus schließlich die Idee für Elija OS entstanden ist, ein KI-gestütztes System, das Kommunikation, Tagesstruktur und Selbstbestimmung miteinander verbinden soll.

Unabhängiger Original-Beitrag: Geführt und veröffentlicht von Silke Bauerfeind auf Ellas Blog (Oktober 2026).

Original auf ellasblog.de ansehen

Frage 01 · Silke Bauerfeind (Ellas Blog)

Wenn du Elija einem Menschen vorstellen würdest, der ihn noch nie getroffen hat, was müsste dieser über ihn wissen, damit nicht als Erstes sein Unterstützungsbedarf im Mittelpunkt steht?


Elija ist einfach ein fröhlicher, neugieriger und ganz besonderer kleiner Kerl. Er kann unglaublich lustig sein und hat seinen ganz eigenen Kopf. Er liebt Dinge, die man knicken oder wedeln kann, und experimentiert total gerne: Er wirft Gegenstände und schaut, welcher schneller landet, oder probiert aus, ab wann etwas seinen Kipp-Punkt erreicht. Solche kleinen Dinge können ihn richtig lange glücklich machen.

Wenn man ihn kennenlernt, merkt man schnell, dass er die Welt ein bisschen anders wahrnimmt als wir. Aber genau das macht ihn zu Elija. Sein Unterstützungsbedarf gehört zu ihm, aber er ist nicht das, was ihn ausmacht.

Frage 02 · Silke Bauerfeind (Ellas Blog)

Wie sieht bei euch das Nebeneinander von Liebe und Erschöpfung im Alltag aus? Was bedeutet hoher Unterstützungsbedarf bei euch ganz konkret?


Unsere unendliche Liebe zu Elija steht außer Frage, wir feiern ihn wirklich für alles, was er ist, und er bringt uns ständig zum Lachen. Gleichzeitig kann der Alltag unglaublich anstrengend sein.

Hoher Unterstützungsbedarf bedeutet ganz konkret, dass Dinge, die anderswo einfach nebenbei laufen, bei uns ein Kraftakt sind. Essen, Anziehen, Körperpflege – all das braucht viel Unterstützung. Haarewaschen kann richtig schwierig werden, weil sich das sensorisch für ihn kaum aushalten lässt.

Am anstrengendsten ist aber, dass man ständig aufmerksam sein muss, denn Elija hat kaum Gefahrenbewusstsein. Man kann also nicht mal eben sagen: „Spiel du kurz da, ich mache schnell was anderes.“

Aber genauso sehr gehören zu unserem Alltag diese Momente, in denen wir uns über Elija kaputtfreuen. Wir halten etwas jahrelang für unmöglich, und plötzlich macht er es einfach, als hätte er nie etwas anderes getan. Und wir stehen daneben und denken: „Okay, wann hast du das denn bitte gelernt?“ Man weiß bei ihm einfach nie, was als Nächstes kommt.

Unterwegs im Auto: Wo ein starrer Klett-Plan an der Küchenwand fehlt, gibt Elija OS ihm im echten Leben Sicherheit für den nächsten Übergang.

Frage 03 · Silke Bauerfeind (Ellas Blog)

Wie zeigt Elija euch, wie es ihm geht, was er möchte, was ihm zu viel wird oder was er gerade braucht? Und wie habt ihr als Familie gelernt, seine Kommunikation und auch frühe Zeichen von Überforderung zu verstehen?


Bei Elija ist das ziemlich eindeutig: Entweder himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt.

Wenn er etwas toll findet, ist er so ausgelassen, dass einfach jeder mitgerissen wird. Passt ihm etwas nicht, bricht es mit voller Wucht aus ihm heraus: Das ist dann ein Meltdown wie aus dem Lehrbuch, oft scheinbar aus dem Nichts.

Er hat einen extrem klaren Willen und da sind wir auch ein Stück weit stolz drauf.

Er kommuniziert viel über Körpersprache. Er nimmt uns an die Hand und führt uns dorthin, wo er hin möchte.

Worte setzt er sehr sparsam ein. Er überlegt sich genau, ob sich das jetzt lohnt. Wenn ihm etwas sehr wichtig ist, entschlüpft ihm auch mal aus Versehen ein kompletter Satz und wir freuen uns natürlich riesig.

Wir mussten aber auch lernen: Nicht jedes „Nein“ heißt, dass etwas schlecht für ihn ist. Oft ist ihm Neues einfach im ersten Moment unangenehm und er braucht Zeit und Energie, um sich darauf mental vorzubereiten. Hier hat uns zum Beispiel auch die Ergotherapie geholfen, das besser zu verstehen.

Und natürlich gibt es Dinge wie beim Arzt, die einfach gemacht werden müssen. Da müssen wir seine Grenzen ernst nehmen, ihm aber manchmal auch darüber hinweghelfen.

Frage 04 · Silke Bauerfeind (Ellas Blog)

Eltern bekommen viele Tipps, Förderansätze und vermeintliche Lösungen angeboten. Was habt ihr im Laufe der Zeit darüber gelernt, was Elija und euch tatsächlich hilft? Und gab es auch Dinge, bei denen ihr irgendwann gemerkt habt: Das passt für uns einfach nicht?


Die Flut an Tipps und potenziellen Hilfsangeboten ist – gerade durch das Internet – schlicht überwältigend.

Am Anfang hatte ich ständig Angst, diese eine „Wunderpille“ noch nicht gefunden zu haben, die vielleicht doch den großen Unterschied macht. Wir haben fast alles probiert: Symbol-Karten, Therapien, Essenspläne, besondere Reisen. Das meiste hat auf Dauer nicht funktioniert, was extrem ernüchternd war.

Und wir mussten lernen, der Advokat unseres Kindes zu sein. Selbst wenn Experten uns von einem Ansatz überzeugen wollten und wir aus dem Bauch heraus dagegenhielten, teilten sie am Ende meist unsere Einschätzung. Wozu wir immer ganz klar Nein gesagt haben, waren medikamentöse Ruhigstellung oder irgendwelche Dressur-Methoden.

Die gesundheitlichen Probleme nahmen aber mit der Zeit zu und Elija rutschte in so tiefe Täler der Regression, dass wir immer wieder im Krankenhaus landeten.

In einer Nacht im Krankenhaus im April bangten wir um sein Leben. Die Monitore piepsten wie wild, ständig schlugen Alarme an, und uns wurde klar: Es geht so nicht weiter. Menschen in weißen Kitteln kamen und gingen, aber jeder sah nur seinen eigenen, winzigen Fachbereich.

Ich sagte zu meiner Frau: „Wir müssen die besten Autismus-Experten finden und mit ihnen reden.“ Ihre Antwort hat mir die Augen geöffnet: „Wir SIND die Autismus-Experten.“
— Angelika & Alex
Ein ruhiger, verlässlicher Anker: Elija sieht immer nur, was jetzt zählt – und darf jederzeit selbst antworten oder Pause drücken.

Frage 05 · Silke Bauerfeind (Ellas Blog)

Irgendwann ist aus euren eigenen Erfahrungen Elija OS entstanden. Welches Problem in eurem Alltag wolltest du damit lösen?


Nach dieser Nacht im Krankenhaus begann ich, mich in die Neurowissenschaft international anerkannter Studien zu vertiefen. Ich begann zu verstehen, wie Elijas Gehirn tickt. Ich wünschte, man hätte uns das schon bei der Diagnose gesagt: Sein Gehirn hat vermutlich viel mehr lokale Nervenverbindungen als unseres, aber weniger große Autobahnen.

Das erklärte plötzlich alles. Warum er nicht „einfach mal kurz“ vom Auto durch den Garten ins Haus und dann ans Waschbecken gehen kann. Jeder dieser Übergänge bedeutet für ihn einen enormen mentalen Schaltaufwand und frisst unheimlich viel Energie. Wenn er in einer Sache drin ist, kommt er nicht leicht davon los. Er ist wie ein faszinierender Hochleistungscomputer, der extrem schnell überhitzt.

Mein Ziel war es, ihm mit Künstlicher Intelligenz ein externes Gehirn zu bauen. Daraus ist Elija OS entstanden, unser Betriebssystem für den Alltag.

Ein visueller Plan, der über unsere Handys gesteuert wird. Ein Talker, mit dem er seinen Tag selbst verändern kann. Das alles läuft im Hintergrund zusammen und lagert diese Gehirnfunktionen für ihn aus. Für mich ist das kein „Hilfsmittel“. Ich kann dieses Wort ehrlich gesagt nicht mehr hören. Es ist eine Zugangstechnologie. Genauso selbstverständlich, wie man eine Brille zum Sehen oder ein Hörgerät zum Hören nutzt.

Frage 06 · Silke Bauerfeind (Ellas Blog)

Bei einem System, das Energie, Belastung und Tagesabläufe im Blick behält, finde ich auch die Frage nach Selbstbestimmung spannend: Wie sorgt ihr dafür, dass eure Einschätzung von Elijas Verhalten nicht automatisch zur „Wahrheit“ über ihn wird? Welche Rolle spielt seine eigene Kommunikation dabei?


Selbstbestimmung ist für uns der absolute Kern.

Ich fand es immer absurd, dass wir am Tisch sitzen und einen Plan für Elija entwerfen, der ihn dann überhaupt nicht interessiert. Er hat einen extrem starken Willen. Wenn er im Flow ist und genau weiß, was er will, ist das großartig. Aber vor allem bei Übergängen scheint es für uns so, als ob er es selbst nicht so genau weiß.

Die Forschung sagt dazu, dass sein Gehirn in dem Moment nicht so leicht synchronisiert, und er nicht so einfach auf seinen Frontallappen zugreifen und sich einen Plan machen kann. Das bedeutet für ihn puren Stress und Angst.

Er braucht die Vorhersehbarkeit eines Plans, um sich sicher zu fühlen. Wir als Eltern geben den Rahmen vor. Aber ob dieser Plan an dem Tag wirklich funktioniert, berechnet das System. Der „Energie-Buchhalter“ lernt, wie kräftezehrend eine Aktivität gerade für ihn ist und behält seinen unsichtbaren Akku im Blick.

Die Wahrheit über seinen Tag bestimmt am Ende aber er selbst. Wenn er nicht mehr kann, drückt er auf die Pause-Taste, wie bei YouTube. Die Zeit bleibt stehen, er kann durchatmen.

Er kann sagen: “Ich brauche Hilfe”, “Ich mache das später“, oder bei flexiblen Dingen eine echte Alternative wählen.

Sein Talker ist direkt mit dem Plan verbunden: Was er äußert, formt den Ablauf live mit. Und obwohl Elija weitgehend nonverbal ist, spricht dieser Talker durch KI mit seiner eigenen, natürlichen Stimmfarbe statt einer künstlichen Roboterstimme. Er steuert seinen Tag selbst. Genau das macht für uns Teilhabe aus.

Du steuerst den Tag entspannt vom Handy – und jede Äußerung deines Kindes landet wie bei WhatsApp direkt bei dir.

Frage 07 · Silke Bauerfeind (Ellas Blog)

Wenn du dir wünschen könntest, dass Leserinnen und Leser nach eurem Beitrag eine Sache über das Leben mit einem autistischen Kind mit hohem Unterstützungsbedarf besser verstanden haben als vorher, welche wäre das?


Dass unser Kind kein medizinischer Krankheitsfall ist.

Das System schaut fast ausschließlich auf Defizite. Angst, Wegsehen, das Gefühl, „abnormal“ zu sein – man ahnt vorher nicht, wie schnell man mit einer Diagnose in den Randbereich der Gesellschaft gedrängt wird.

Dieser Ableismus macht uns oft traurig und manchmal auch wütend. Viele Eltern verzweifeln daran, suchen die Schuld bei sich oder stürzen sich in absurde Internet-Theorien. Aber all das verblasst, wenn man sich die echte Forschung ansieht.

Das Gehirn ist nicht kaputt, es ist einfach nur anders gebaut. Ein Fisch an Land mag unter Chamäleons wirken wie ein Chamäleon mit Behinderung. Aber es ist einfach die falsche Umgebung.
— Alex

Diese Kinder bereichern unsere Gesellschaft unglaublich. Zeit mit ihnen verbringen zu dürfen, ist wunderschön. Sie haben einfach einen Zugang zu unserer Welt, der ganz anders funktioniert. Wir dürfen nicht versuchen, sie in unsere Sichtweise zu pressen, nur weil wir in der Mehrheit sind.

Natürlich brauchen sie besonderen Schutz für ihre Sicherheit. Aber vor allem müssen wir ihnen ermöglichen, in unserer Welt zurechtzukommen. Denn sie möchten leben. Sie möchten teilhaben, mitbestimmen, erkunden und ein richtig gutes Leben führen.

Ich sehe es als unsere absolute Pflicht, ihnen dafür die richtige Zugangstechnologie zu bauen. Diesen Schlüssel gab es bisher einfach nicht. Wir müssen ihn aus der Community heraus selbst entwickeln. Denn wir sind die Experten für unsere Kinder.

Unabhängiger Original-Beitrag: Geführt und veröffentlicht von Silke Bauerfeind auf Ellas Blog (Oktober 2026).

Original auf ellasblog.de ansehen

Bereit, eurem Alltag ein externes Gehirn zu geben?

Probiert Elija OS jetzt kostenlos direkt im Browser mit echten Beispieldaten aus – oder startet risikofrei für 9,90 €/Monat (bzw. im Lifetime-Paket) mit 30 Tagen Geld-zurück-Garantie.